Die Anfänge des Singens

Wie das Sprechen gehört auch das Singen in einem so hohen Maße zu den großen kulturstiftenden Leistungen in der Geschichte der Menschheit, daß deren Anfänge sich im Dunkel der Vorgeschichte verlieren und kaum mehr definitiv geklärt werden können. Kein Geringerer als Jean-Jacques Rousseau gab sogar dem Singen die Priorität und suchte den Ursprung der menschlichen Sprache insgesamt auf den Gesang zurück zu führen. In allen bekannten Kulturen war und ist das Singen zu verschiedensten Anlässen als fester Bestandteil in den Lebenszyklus integriert, sei es in Form von Wiegenliedern, Ritualgesängen oder Werbungs- und Liebesliedern, um nur einige Beispiele zu nennen. Trotz solcher anthropologischer Konstanten bildete sich bei verschiedenen Völkern und Ethnien eine erstaunliche Vielfalt von Gesangstechniken und -stilen heraus, deren Erlernung vielfach besonders geschulten Spezialisten übertragen wurde. Daß musikalischer Geschmack, Liedformen und auch das Ideal des Singens zudem einem ständigen historischen Wandlungsprozeß unterworfen sind, dafür bildet in besonderem Maße die europäische Musikgeschichte ein beredtes Beispiel. Die besondere Macht, die dabei das Singen immer schon auf das menschliche Gemüt auszuüben imstande war, manifestierte sich schon früh in mythischen Gestalten wie der des Sängers Orpheus, der mit seinem Gesang selbst den Tod überwand, und findet bis heute ihre Fortsetzung in der zuweilen fast kultischen Verehrung etwa eines Elvis Presley.

Joachim Steinheuer studierte zunächst Philosophie und Kunstgeschichte in Heidelberg und Paris, anschließend Musikwissenschaft in Berlin und Paderborn. Ab 1993 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Musikwissenschaftlichen Seminar Detmold/Paderborn, seit 1996 am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Heidelberg. Arbeitsschwerpunkte liegen in der italienischen Musikgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts (Dissertation über die weltliche Vokalmusik von Tarquinio Merula), der französischen Musik des 17. und 18. Jahrhunderts und der amerikanischen Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Neben der wissenschaftlichen Arbeit langjährige publizistische Tätigkeiten für Rundfunkanstalten und Plattenfirmen sowie musikwissenschaftliche Beratung mehrerer namhafter Ensembles im Bereich der Alten Musik.

 

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